19.05.2026

Vom Pilotprojekt zum Regelbetrieb

Was heute noch fehlt

Für die autonome Mobilität ist nicht allein entscheidend, ob ein Fahrzeug fahren kann. Entscheidend ist, ob daraus ein verlässlicher Regelbetrieb im ÖPNV wird.

Genau an diesem Punkt wird die Debatte oft unpräzise. Technische Machbarkeit ist wichtig, aber sie ist nicht der eigentliche Belastungstest. Der wirkliche Maßstab ist, ob autonome Mobilität dauerhaft, sicher, wirtschaftlich und organisatorisch belastbar betrieben werden kann. Nach Maßstab und Region folgt jetzt der nächste Realitätscheck: Was fehlt heute noch auf dem Weg vom Pilotprojekt zum öffentlichen System?

Die Bundesregierung benennt die Lücke ungewöhnlich klar. In ihrer Strategie heißt es, der Markt befinde sich in einer „Phase zwischen abgeschlossener Erprobung und ausbleibender Skalierung“. Gleichzeitig fehlten serienreife Angebote sowie skalierbare Betreiber- und Geschäftsmodelle für autonome Shuttle-Verkehre.
Quelle: https://www.bmv.de/SharedDocs/DE/Publikationen/StV/die-zukunft-faehrt-autonom.pdf?__blob=publicationFile

Internationaler Blick: Frankreich beschreibt den Übergang von Erprobung zu Einsatz deutlich operativer. Das zuständige Ministerium schreibt: “The deployment of automated vehicles and mobility services in France is made possible by the legislative and regulatory framework.” Der Unterschied ist wichtig: Nicht nur testen, sondern in Richtung Anwendung und Dienst denken.
Quelle: https://www.ecologie.gouv.fr/en/public-policies/automated-connected-road-transport

Genau darin liegt das Kernproblem. Viele Projekte zeigen, dass autonome Fahrzeuge in definierten Umgebungen funktionieren können. Aber der Regelbetrieb stellt andere Fragen. Wer übernimmt Verantwortung im Alltag? Wie werden technische Aufsicht, Leitstelle, Wartung, Intervention und Service organisiert? Wie stabil läuft das Angebot unter realen Bedingungen? Und wie wird aus einem geförderten Projekt ein dauerhaft tragfähiger Betrieb? Das Handbuch Autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr macht deutlich, dass autonome Mobilität im ÖPNV als Betriebsaufgabe gedacht werden muss. Es behandelt unter anderem Betriebsmodell, Personal, Finanzen, technische Aufsicht, Leitstelle, Sicherheit und organisatorische Umsetzung als zentrale Planungsfelder.
Quelle: https://www.bmv.de/SharedDocs/DE/Anlage/K/autonomes-fahren-oeffentlicher-verkehr.pdf?__blob=publicationFile

Was dabei häufig unterschätzt wird: Der Unterschied zwischen Pilot- und Regelbetrieb ist nicht nur organisatorisch. Er ist auch physisch und systemisch.

Im Pilotbetrieb lassen sich Szenarien begrenzen. Strecken sind klar definiert. Eingriffe können abgesichert werden. Im Regelbetrieb fällt genau diese implizite Absicherung Stück für Stück weg. Dann reicht es nicht mehr, dass ein Fahrzeug unter guten vordefinierten Bedingungen fahren kann. Es muss auch unter variierenden Bedingungen beherrschbar bleiben.

Damit verschiebt sich die entscheidende Frage: Nicht mehr nur, ob ein System funktioniert, sondern ob es auch dann handlungsfähig bleibt, wenn etwas nicht im Nominalzustand läuft.

Genau hier kommt ein Punkt ins Spiel, der für autonome System im Allgemeinen und für den öffentlichen Betrieb absolut zentral ist und in vielen Debatten zu spät auftaucht: fail-operational. Für autonome Systeme im ÖPNV reicht es nicht aus, im Fehlerfall einfach in einen sicheren Stillstand zu wechseln. Ein Fahrzeug, das im Fehlerfall einfach stehen bleibt, blockiert Betrieb, reduziert Verfügbarkeit, erzeugt neue Risiken und macht Skalierung wirtschaftlich fragil. Regelbetrieb bedeutet deshalb mehr: Ein System muss definierte Zustände sicher erreichen können, auch wenn Teile des Systems eingeschränkt arbeiten.

Das ist keine Komfortfrage. Das ist eine Betriebsfrage. Denn im realen öffentlichen Verkehr zählen Verfügbarkeit, Verlässlichkeit, Vorhersehbarkeit und kontrolliertes Verhalten unter Alltagsbedingungen.

Viele Pilotprojekte umgehen dieses Problem derzeit: durch begrenzte Szenarien, Sicherheitsfahrer, Remote-Backup oder zusätzliche Eingriffsebenen. Im Regelbetrieb tragen solche Hilfskonstruktionen nicht mehr in derselben Weise. Dann wird Fahrzeugkontrolle zum kritischen Systemelement.

Bitkom fordert größere Modellregionen und realistischere Betriebsbedingungen, um genau diese Fragen beantworten zu können. Belastbare Erkenntnisse über Skalierung, Betrieb und Wirtschaftlichkeit entstehen nicht im kleinteiligen Ausnahmebetrieb, sondern unter realen Einsatzbedingungen.
Quelle: https://www.bitkom.org/sites/main/files/2024-10/241001-bitkom-thesenpapier-autonomes-fahren-in-deutschland.pdf

Im öffentlichen Nahverkehr zählt nicht, ob Technologie im Einzelfall funktioniert, sondern ob ein Angebot täglich verfügbar, stabil und nachvollziehbar betrieben werden kann. Der Regelbetrieb ist deshalb keine spätere Ausbaustufe. Er ist die eigentliche Zielgröße die von Anfang an mitgedacht werden muss.

Genau deshalb muss sich die Debatte verändern. Nicht: Kann das Fahrzeug autonom fahren? Sondern: Bleibt seine Bewegung auch im Betrieb kontrollierbar, verlässlich und sicher?

Wer diese Fragen beantwortet, schafft die Grundlage für ein öffentliches System.

Wer autonome Mobilität im ÖPNV ernsthaft voranbringen will, darf Regelbetrieb nicht als Fernziel behandeln. Er muss von Anfang an der Maßstab der Systemarchitektur sein.

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Lara Gekeler
Marketing Managerin